Das Bildungssystem und Wir ?

Das Bildungssystem und Wir?

 

von Khai Phung

 

Ich bin als Sohn eines Vaters aus Hanoi und einer Mutter aus Schwerin in Mecklenburg Vorpommern im Jahr 1986 in Berlin geboren. Allein durch diese Konstellation und diesen Zeitpunkt gibt es mindestens zwei Begriffe, welche meine Generation im Allgemeinen und meine eigene Biographie im Speziellen beschreiben. Zum einen bin ich ein ‘Wendekind’ und habe zum anderen einen Migrationshintergrund. Durch das gemischte Elternhaus habe ich sogar etwas gemein mit bekannten Persönlichkeiten wie etwa Bob Marley oder Bruce Lee. Migrantisch, aber irgendwie auch nicht.

Auch wenn ich solch Superstars bewundere, lernte ich die realistischen Vorbilder in meinem Leben meist direkter kennen – und viele auf den verschiedenen Stationen meines wirklich nicht geradlinigen Bildungsweges. Sogleich möchte ich daher auch sagen, dass mir wiederum besonders drei Menschen im Gedächtnis blieben. Sie alle besaßen beziehungsweise besitzen die Fähigkeit, komplexe Inhalte auf das Simpelste herunter zu brechen.

Alles in allem bin ich wirklich froh über die Bildung, welche ich persönlich erhalten habe. Nicht so simpel ist es hingegen scheinbar dennoch, über die Themen der Migration oder ‘die vietnamesische Identität’ weder an sich noch im Bezug auf das Bildungssystems, zu sprechen. Ich möchte also anhand meiner eigenen Biografie gerne ein anschauliches, obgleich halbes Beispiel dafür geben und dabei sowohl das mögliche als auch das unmögliche Verhältnis zwischen migrantischen Menschen und den Schulen in Deutschland versuchen zu beschreiben. Ferner geht es mir also auch darum, zu zeigen, was die Ausbildungsstätten, Schulen und Hochschulen scheinbar noch nicht gut können: auf die komplexe Welt reagieren.

Aber lasst mich von vorne beginnen. Meine deutsche Oma und mein vietnamesischer Opa unterrichten. Sie durfte nach der Wende 1989/90 nicht mehr unterrichten; er war Professor für Landwirtschaft. Beide Eltern studierten sogar, aber konnten entweder lange nicht oder sogar niemals in ihrer jeweiligen Fachrichtung ebenfalls aufgrund der Deutschen Wiedervereinigung arbeiten. Die Wirtschaftsstruktur bot bereits damals einfach wenige Perspektiven. Eingeschult wurde ich im August 1993 in der Grundschule bzw. dem Gebäude, welches später als Die Arche sehr bekannt wurde.

Ich mochte die Grundschule hauptsächlich wegen des persönlichen Zusammenhalts, der sich bis in die 6. Klasse verfestigte. Was mir jedoch schon früh von meinen Eltern mitgeteilt wurde, war, dass mein Unterricht relativ kurz nach der Wende ebenfalls durch das große historische Ereignis merklich beeinflusst gewesen war. Damals, eigentlich bereits während meiner Kindergartenzeit, verließen nämlich viele der Erzieher*innen und Lehrer*innen die ehemalige DDR. Beispielsweise gab es in meinem Jahrgang etwa kaum eine wie heutzutage übliche Vorschulbildung. Auch die Lehrpläne der Grundschule waren noch nicht sonderlich entwickelt. Dennoch standen natürlich Deutsch, Mathematik, Biologie oder Sport ganz normal an der Tagesordnung.

Die eigenen Höhepunkte dieser Zeit waren für mich eindeutig die Klassenfahrten oder die Schul- und Sportfeste. Neben meiner älteren Schwester und mir gab es als weitere Kinder mit Migrationshintergrund damals nur noch eine deutsch-syrische Diplomatentochter und einen weiteren vietnamesischen Jungen, der ab der 3. Klasse an diese Grundschule kam. Für die Schuljahresabschlussfeiern bereiteten „Wir”, die Familien mit vietnamesischem Migrationshintergrund, sodann auch mal die klassischen Frühlingsrollen oder ähnliche Gerichte vor. An die Speisen der Eltern des deutsch-syrischen Mädchens erinnere ich mich zwar nicht genau, aber das all unsere Speisen durchaus beliebt – und mit relativ viel Arbeit verbunden — waren.

Der eigene Bezug zu Vietnam spielte bei den Freundschaften in Berlin, welche teils bis in die Kindergartenzeit reichten, damals eigentlich so gut wie nie eine Rolle. Sowohl Spaß als auch Trauer fühlten sich einfach immer echt an und zwar insbesondere dann, wenn einer der Freunde die Schule verließ. Andererseits aber wurde dieser seit der 3. Klasse „neue“ Junge auch sehr schnell ein wichtiger Freund für mich und das womöglich alleine deshalb, eben weil er aus Vietnam kam.

Meine ersten bewussten Reisen nach Vietnam fanden 1992 und 1994 statt. Endlich umarmten wir uns als Familie alle (wieder), ich lernte sehr viel Neues kennen und eigentlich auch bereits eine der wichtigsten Lektionen meines Lebens: Alles, was mir in Vietnam gefällt, könnte ich ja auch in Deutschland nach- bzw. vorleben – und andersrum – sagte mein Vater. Eingeschränkt wurde ich bei diesen Versuchen aber mindestens durch die Sprachbarriere, da weder meine Schwester noch ich die vietnamesische Sprache als Kinder erlernten. Sonst verstehe ich diese Aussage eher als einen lebensbejahenden Ausdruck, der die Möglichkeit zur Veränderung oder sogar Verbesserung bejaht.

So schön die Grundschulzeit auch war, fiel mir der Wechsel an die Oberschule dennoch ziemlich schwer. Neben besagtem Freund aus der Grundschulzeit und zwei anderen Russlanddeutschen waren „Wir‟ Migrationshintergrund auch in diesem Jahrgang schlicht nicht sonderlich viele. Auch  solch (Nach-)Fragen wie: Wo kommst du her bzw. wo denn die Familie genauer herkomme, das implizite oder gar explizite Infrage stellen vor allem auch der deutschen Identität war ich bis dahin eher nicht gewohnt. Wenn, dann frage ich selbst heute, übrigens, eine*n Jede*n beim Kennenlernen nur danach, aus welchem Bezirk, Dorf oder Stadt die Person mir gegenüber kommt oder wohnt. Ich finde, diese Frage liefert mir konkretere und vor allem respektvollere Informationen, da ich die exakte Antwort genau so akzeptiere.

Hauptsächlich aufgrund familiärer Probleme, denke ich, ging ich später auf eine Realschule ab. Auch hier gab es neben mir eigentlich nur Trang als einzige, weitere vietnamesische Mitschülerin. Einen migrantischen Lehrer oder Lehrerin hatte ich bis dahin auch noch nicht – und das sollte sich auch bis zum Bachelorstudium an der Humboldt-Universität zu Berlin nicht groß ändern. In der Zwischenzeit aber absolvierte ich sogar noch eine kaufmännische Berufsausbildung und holte das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nach.

Dies ist es auch, was ich als ein erstes Fazit ziehen möchte: natürlich hätte ich mir persönlich gerne mehr Erfahrungen, insbesondere im Schmelztiegel Berlin, mit migrantischen Lehrer*innen und Schüler*innen erhofft – denn erstens ging es mir, und wahrscheinlich den Wenigsten, darum, besonders exponiert dazustehen durch die (halb-)vietnamesische Identität, sondern einfach nur um das Lernen. Zweitens präsentieren die Schulen ja leider eher nicht die echte Demographie bzw. Vielfalt in diesem Land. Somit bleibt eine echte Ressource für spannenden Austausch und interessantes Wissen leider eher ungenutzt.

Während meines Studiums lebte ich erstmals für längere Zeit in Vietnam und konnte dabei einen besseren Einblick in den Schulalltag meiner Cousins und Cousinen gewinnen. Die vietnamesischen Schuluniformen selbst finde ich gar nicht so verkehrt, weil sie meinem Empfinden nach für etwas mehr Gleichheit bzw. weniger Distinktion unter den Kindern (und deren Eltern) zu vermitteln scheinen. Befremdlich dort fand ich hingegen Lerninhalte wie Waffenkunde oder das schiere Auswendiglernen von historischen Ereignissen. In anderen Worten lässt sich der disziplinäre Charakter des vietnamesischen Bildungssystems aufgrund der autoritären Staatsform viel leichter erkennen als hier in Deutschland.

Vielleicht verschwamm der Charakter als Disziplinarsystem der Bildung in einem demokratischen und föderalistischen Lande wie Deutschland, wo es keine Schuluniformen mehr gibt und jedes Bundesland ein Stück weit sein eigenes Ding macht? Letztlich erlebte ich jedenfalls vor dem Hintergrund der eigenen Familiengeschichte und eben auch als ein Wendekind, dass konkrete Verbindungen zu einem Ort oder (Bildungs-)System nur bedingt sinnvoll sind bzw. es einfach keinen Sinn macht, das eine Merkmal über das andere Merkmal zu stellen. Das echte Leben ist viel zu komplex dafür.

Die Orientierung an Disziplin bestätigt sich nicht zuletzt auch in dem ’positiven’ Vorurteil, dass deutsch-asiatische Schüler*innen im Notenvergleich wiederholt besser da stünden, als deutsch-arabische oder deutsch-türkische Kinder und daran der Integerationserfolg der Gruppen festgemacht wird. Es gilt Integration ist gleich Leistung– und diese Leistung wird vor allem kulturell erklärt, : anhand der unterschiedlich strengen Erziehungsmethoden von ‘uns’ als ethnisierter Gemeinschaft der Vietnamesen.

Die allgemeineren Probleme bei der Bildung und Erziehung liegen, glaube ich, aber auch nicht unbedingt am Unwillen der verantwortlichen Politiker*innen und Lehrer*innen, sondern wirklich eher daran, dass das Bildungssystem eben als ein Disziplinarsystem erschaffen wurde. Für Die Zeit und im Bezug auf Berlin beschrieb Julia Friedrichs in ihrem preisgekrönte Artikel „Die Straße der Ungerechtigkeit / Die geteilte Straße“ und, wahrscheinlich mehr nebenbei denn geplant, dabei die Probleme migrantischer Schulkinder und ihrer Familien in Deutschland. Ich erwähne diesen Artikel aus einem bestimmten Grunde. Es ging der Autorin des Artikels wohl ähnlich wie mir: Sie wollte gar nicht primär über Migration schreiben Letztlich beschreibt sie nämlich eine allgemeinere Bildungskluft und hebt damit auch nur die unterschiedlichen Verwirklichungschancen zwischen allen Menschen hervor mit Hinweisen darauf, was konkret verbessert werden könnte. Migration ist dabei nur ein Faktor. Das Bildungssystem selbst aber produziere bereits von ganz alleine eine „[. . . ]homogene Gruppe von Bildungsverlierern.“ [1]

Dieses konkrete Problem, der  Wunschs eigentlich aller Eltern für ihre Kinder das Beste zu wollen und es dennoch nicht zu erreichen, ist leider real und lässt sich auf strukturelle Benachteiligungen zurückführen. Allein aus diesen Beobachtungen heraus aber ergaben sich für mich persönlich dann jedoch noch ganz neue Prioritäten, wenn ich gezielt über Migration – egal ob in der Vergangenheit, jetzt, oder in der Zukunft – spreche. Denn dies möchte ich in aller Demut dennoch betonen: Ja, Migration ist ein wichtiger Faktor und daher sollten bestimmte kulturelle Eigenheiten, wie vor allem auch Sprachkenntnisse, insbesondere im Bildungssystem eine besondere Beachtung finden. Alle Erfahrungswerte zeigen jedoch aber auch, dass allgemeinere Bedürfnisse für alle Familien, egal ob modern oder traditionell, gleichsam und sogar ortsunabhängig bedeutend sind. Dazu zähle ich etwa sichere Schulwege, gesunde Verpflegung und keine überfüllten Klassenräume.

Es bräuchte daher nicht nur wesentlich mehr, Migration einfach nicht mehr zu problematisieren, sondern diese schlicht und ergreifend als das Normalste der Welt zu betrachten – und sich dann aktiv um die soziale Inklusion aller Lernenden zu bemühen. Dabei ignorierte solch Herangehensweise auch mitnichten die kulturellen Hintergründe, sondern würde im Gegenteil das relativ geschlossene Bildungssystem höchstwahrscheinlich sensibler reagieren lassen auf die allgemeinen und konkreten Probleme aller Schüler- und vor allem auch der Lehrer*innen.

Ein konkretes und prägnantes Beispiel betrifft dabei insbesondere auch den Abschied aus dem Bildungssystem selbst. Viele stellen sich die Frage, wie das Leben anschließend weitergeht. Viele junge Menschen gehen zunächst, wenn nicht auf Sinn, aber zumindest auf die Suche nach Erfahrungen und wägen dabei ihre Verwirklichungschancen ab. Zumindest habe ich eine starke Vermutung, weshalb formale Bildungsabschlüsse dabei meist einfach nur als Mittel zum Zweck begriffen werden – anstatt die Lerninhalte und vor allem auch die erworbenen, sozialen Kompetenzen selbst in den Mittelpunkt zu rücken und, ganz wichtig, für friedliche und nachhaltige Kooperationen zu sorgen.

Schweigen ist nicht immer Gold

Ich selbst würde zu diesem Zeitpunkt meine Situation als so ziemlich genau zwischen allen Stühlen beschreiben. Ich beendete soeben meine Masterarbeit und sehe zugleich dennoch eine Diskrepanz zwischen einer für mich sinnvollen Tätigkeit und einem gesicherten Einkommen. Ferner erscheint mir nämliche die gesamte Wirtschaftsstruktur so sehr auf Profite ausgelegt, dass gesellschaftliche Bedürfnisse oder Umweltschutzaktivitäten bereits aus Kostengründen öfter nur eine nebensächliche Rolle spielen. Äußerst ungern schließe ich auch von mir auf andere, aber es darf, glaube ich, bezweifelt werden, dass es die eine Lösung für langfristig bessere Verwirklichungschancen für alle und eine Lösung für die globalen Umweltprobleme gibt, solange Schule und Forschung eher für ein profitorientiertes Wirtschaftssystem disziplinieren.

Aber eines stet für mich dennoch fest: Eine jede Investition in das Bildungssystem gleicht einer Investition nicht nur in die Zukunft, sondern in die gesamte Umwelt. Insbesondere in Zeiten von Die Arche und Fridays for Future sollten nicht mehr nur Disziplin und Effizienz, sondern müssen vor allem auch Theorie und Praxis endlich Hand in Hand gehen. Daran ist allen Kindern und zukünftigen Generationen, egal welchen räumlichen Ursprungs gelegen, oder?

Eingangs beschrieb ich bereits, dass ich ein wenig etwas mit Bruce Lee oder Bob Marley gemeinsam haben könnte. Denke ich aber an sie, schaue ich selbst gar nicht so sehr auf ihre Herkunft oder ihre Werke, sondern bewundere eher ihre Fähigkeit zu kommunizieren. Sowohl mit als auch ohne Worte sprachen beide nämlich aus ihrer ganz eigenen Position heraus —
Wichtig dafür erscheint mir im Zusammenhang mit dem Bildungssystem, wie angedeutet, zunächst die Selbstreflexion der Bildungsinstitutionen in ihrer Rolle als Disziplinarsysteme. Auch wünsche ich mir dann von dieser Gesellschaft nicht mehr nur eine explizite Anerkennung eines jeden Menschen unabhängig vom Zusammenhang mit der individuellen Leistung, sondern auch die prominente Vermittlung des Konzepts der Gewaltfreien Kommunikation von Marshall B. Rosenbaum. Dieses Konzept könnte es ermöglichen, dass alle Schüler*innen und Erwachsene besser wissen, wie sie aus der ganz eigenen Perspektive heraus und ohne ‘statische Sprache’ kommunizieren können – migrantisch oder nicht. [2]

Ja, ich bin sogar fest davon überzeugt, dass mittels des Konzepts der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) die Mehrheit der Menschen in Deutschland weder Migration noch Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland als Probleme  betrachten würden, sondern im Gegenteil die kleinen und großen Unterschiede als echte Bereicherung und Chance für die Bewältigung von noch viel größeren Problemen begreifen. Dieser letzte Punkt über die GFK liegt mir persönlich sehr am Herzen – sowohl als migrantischem Menschen, Wendekind, als auch einfach nur als einem erwachsenem Menschen mit tiefer Liebe zu Berlin, Hanoi, Deutschland, Vietnam, Asien, Europa und der Welt. Denn wie Mensch die eigenen Beobachtungen, Bedürfnisse, Bitten, oder auch Grenzen kommunizieren kann, fällt vielen scheinbar ja doch sehr schwer und ist hinderlich, wenn wir alle an einer besseren Welt arbeiten wollen.

An allen meinen Schulen war die Geborgenheit zwar relativ gegeben, aber das Sprechen mit der eigenen Stimme wurde weder dort noch an einer anderen Schule sonderlich gefördert. Den Lehrkräften selbst aber könnte die Gewaltfreie Kommunikation einen Lösungsweg aus ihrer relativ bescheidenen Situation bieten, wenn die Erwartungen und Herausforderungen der komplexe Welt sie und alle Schüler*innen betreffen. Der Biologielehrer sagte etwa, dass es ihm Leid tue, dass er den Namen Trang nicht korrekt aussprechen könne. Daraufhin hörten die Witze über ihn auf. Viele Lehrer*innen erklären, dass ihnen selbst der Frontalunterricht genauso wie überfüllte Klassenräume unangenehm sind. Mit dem Klassenaufstieg erhöhten sich dann logischerweise die Anforderungen noch weiter und es wuchs somit auch die Kluft zwischen den individuellen Leistungen wie den Schüler*innen aufgrund der heterogenen sozialen Herkunft. Ferner steigt die innere wie soziale Erwartungshaltung beim (Wieder-)Einstieg in das Berufsleben noch weiter.

Dies alles offenbart für mich daher auch einen eher widersprüchlichen Charakter des Bildungssystems und allem, was danach kommt: Zeitlebens müssen sich alle Menschen über ihre Leistungen definieren. Ja, migrantische Menschen oft sogar doppelt und dreifach. Letzteres führt sogar zu einem Phänomen namens „kultureller Kurzschluss“. Dieser Begriff meint, dass Migrant*innen sich extra deshalb ein teure Statussymbole wie Autos beschaffen, um vor Banken als kreditwürdig zu gelten, oder um von Ursprungsdeutschen geachtet zu werden. Doch statt der Anerkennung dieser Symbolik des sozialen bzw. wirtschaftlichen Aufstiegs, führt dies selbst wiederum zu neuen negativen Vorurteilen. [3]

Mit der GFK und solchem Wissen über soziale Strukturen änderte sich erneut etwas Schritt für Schritt — bei mir: Nicht nur akzeptiere ich meinen Migrationshintergrund, sondern stehe mittlerweile auch voll und ganz zu meiner gesamten Identität. Vor allem im Gespräch mit anderen Menschen sende ich meist sogenannte Ich-Botschaften. Nicht, weil ich so sehr von mir überzeugt bin, sondern insbesondere bei Kritik sage (und höre) ich auch gern, welche Gefühle das Verhalten in mir oder dem Gegenüber auslöst. Spätestens dabei verschwindet dann nämlich auch der Drang, den anderen Menschen aufgrund äußerer Merkmale zu be- oder gar zu verurteilen. So lässt es sich meiner Meinung nach im wechselseitigen Gespräch auch besser auf Ziele konzentrieren und sie macht es einfacher, eben auch ein Nein bzw. die Grenzen des Gegenübers zu akzeptieren anstatt vielleicht sogar ungewollte Fremdzuschreibungen  selbst zu verinnerlichen.

Irgendwann kommt ja dann auch der Tag, an dem die letzte Hausaufgabe fertiggestellt, die letzte Klassenarbeit geschrieben und das letzte Zeugnis überreicht wird. Natürlich geht oder ging es in den (Hoch-)Schulen auch viel darum, komplexe Inhalte für das echte Leben verstanden zu haben. Viele gute Erinnerungen aber haften insbesondere den Momenten an, in denen ich oder wir mit anderen Menschen in Kontakt standen, Gespräche führten, inspiriert wurden und unsere ganz eigene Wertschätzung anderen Mitschüler*innen, Kommiliton*innen und Lehrer*innen zukommen ließen.

Genau dies ist es auch, finde ich, was das deutsche Bildungssystem für migrantische Menschen, egal ob wir viele oder nur wenige in einer Klasse sind, verbessern sollte: Sorgt dafür, dass gut ausgebildete Lehrer*innen mit Bedacht unterrichten können, auf dass eine*r Jede*r lernt, aus der eigenen Position heraus und ohne Angriff zu argumentieren. Es sollte mehr Raum für sozialen, gesellschaftlichen Umgang und  die Schulen weniger einen Ort für wirtschaftlich-orientierte Leistung darstellen. Dies ist der Bereich, bei dem zumindest ich allen von mir besuchten (Hoch-)Schulen bislang nur eine Note 3 geben würde.

[1] https://www.zeit.de/2013/28/bildungsungerechtigkeit-bildungspolitik

[2] Rosenberg, Marshall B., Gewaltfreie Kommunikation: eine Sprache des Lebens, Junfermann Verlag GmbH, 2004.

[3] Mark Terkessidis, Interkultur (2010)

 

Dieser Artikel ist einer von zahlreichen Beiträgen, die bei unserem „Call for Contributions“ eingereicht wurden, aber aufgrund der begrenzten Kapazität nicht in unserer neuesten Publikation „Ist Zuhause da, wo die Sternfrüchte süß sind? Viet-deutsche Lebensrealitäten im Wandel“ abgedruckt werden konnten. Wir freuen uns, ihn hier veröffentlichen zu können.

Über den Autor

Geboren im Jahr 1986 in Berlin-Hellersdorf. Khai absolvierte eine kaufmännische Berufsausbildung und im Anschluss zwei Studiengänge an der Humboldt-Universität zu Berlin. Für den M.A. Urbane Geographie lebte und forschte er in Indonesien. Sein Lebensziel ist die Einführung des Grundeinkommens.

In den sozialen Medien findet Ihr ihn bei Twitter unter @wunderlauch