Wissenstransfer: Viet-deutsche(s) Leben – erzählt

Viet-deutsche(s) Leben – erzählt

 

erschienen 20.04.2021 auf affective-societies.de

Neuerschienener Sammelband „Ist Zuhause da, wo die Sternfrüchte süß sind?“

„Ist Zuhause da, wo die Sternfrüchte süß sind? Viet-deutsche Lebensrealitäten im Wandel“ lautet der vollständige Titel eines Ende 2020 bei regiospectra erschienenen Sammelbandes. Das vom VLab Berlin herausgegebene Buch ist eine Mischung aus persönlichen Essays, aufgezeichneten Gesprächen, Fotografien sowie wissenschaftlichen Perspektiven auf viet-deutsche Lebenssituationen. Was den Band auszeichnet ist, dass hier mehrheitlich junge Viet-Deutsche sprechen oder – abgesehen von zwei Ausnahmen – in viet-deutsch/weiß-deutscher Ko-Autorenschaft schreiben. Im Folgenden möchte ich dieses lesenswerte Buch sowie die sich hinter dem Kürzel VLab verbergenden Herausgeberinnen vorstellen und einige meiner Leseerfahrungenteilen.

VLab ist ein gemeinnütziges Unternehmen, das aus der ehemaligen studentischen Initiative Vietnam-Stammtisch@Humbold-Universität hervorgegangen ist und 2017 von Diệu Linh Đào und Julia Behrens gegründet wurde, die sich während ihres gemeinsamen Studiums am Seminar für Südostasienstudien der Humboldt Universität zu Berlin kennenlernten. Das V im Namen steht für den Bezug zu Vietnam, das Lab signalisiert den offenen und experimentellen Charakter des Unternehmens. Die beiden Gründerinnen haben sich mit VLab zum Ziel gesetzt, den vietnamesisch-deutschen Bildungs- und Kulturtransfer zu fördern und Begegnungen zwischen den Generationen und Ländern zu schaffen. Das Unternehmen gliedert sich in einen Business- und einen Non-Profit Bereich. In Ersterem werden Dienstleistungen zur Vermittlung interkultureller Kompetenzen, Sprachkurse und Übersetzungen angeboten, während im Non-Profit Sektor vielfältige und sehr kreative Veranstaltungen organisiert werden, um die Diversität der vietnamesisch-deutschen Perspektiven sichtbar zu machen und viet-Deutsche sowie weiß-Deutsche unterschiedlicher Generationen miteinander ins Gespräch zu bringen. Es ist Diệu Linh Đào und Julia Behrens ein besonderes Anliegen, die zahlreichen impliziten und expliziten Ausgrenzungen und Alltagsrassismen zu thematisieren, denen sich viet-deutsche Personen immer wieder ausgesetzt sehen und diese zur Artikulation ihrer oft schmerzhaften Erfahrungen zu ermutigen. Sie befördern damit insbesondere für die in Deutschland aufgewachsenen Kinder ehemaliger DDR-Vertragsarbeiter:innen oder „Bootsflüchtlingen“ einen enorm wichtigen Prozess der Selbstverortung und politischen Selbstermächtigung. Dabei stehen sie stets im Dialog mit interessierten Mitgliedern der deutschen Mehrheitsgesellschaft und leisten einen konstruktiven Beitrag zur Diversifizierung unserer Gesellschaft.

Die beiden auf das vietnamesische Berlin bezogenen Projekte (A01 und A02) unseres Forschungsverbundes kooperieren schon länger und in zunehmend engerem Maße mit VLab und sind auch mit Beiträgen in dem „Sternfrüchte“-Band vertreten. Aktuell erarbeiten wir ein Digitales Story-Telling Projekt gemeinsam mit Diệu Linh Đào, die seit kurzem als Koordinatorin im Bereich des Wissenstransfers das Team des Teilprojekts A01 „Gefühlsbildungen im vietnamesischen Berlin II“ ergänzt.

Nun möchte ich mich aber dem „Sternfrüchte“-Band zuwenden. Mein Ziel liegt nicht in einer Rezension des Buches, sondern darin einige Leseeindrücke zu teilen. Es sind vor allem drei eng verflochtene Themenkomplexe, die mich – obwohl sie mir nicht neu sind – in der Eindringlichkeit, mit der sie hier von den viet-deutschen Autor:innen artikuliert werden, sehr berührt und bewegt haben: die Problematik innerfamiliärer Mehrsprachigkeit, das schmerzliche Ringen mit Gefühlen mehrfacher Nicht-Zugehörigkeit, sowie die Wirkmacht, welche die unbewältigten Traumata der Eltern im Leben ihrer Kinder entfalten können.

In dem Beitrag „Wenn Eltern und Kinder keine Muttersprache teilen“ sprechen vier Geschwister der zweiten Generation miteinander über ihre Einstellungen zur vietnamesischen Sprache und ihr jeweiliges Erleben der zweisprachigen Familiensituation.

 „Ich habe mich schon als Kind für die vietnamesische Sprache geschämt. Wenn Mama und Papa mich angerufen haben und ich anfing Vietnamesisch zu reden, haben andere gekichert und ich habe mich dafür geschämt, weil meine Freund*innen es lustig fanden, wie es sich anhört“ mit diesen Worten eröffnet Quang Minh, der mit 21 Jahren das jüngste der vier Geschwister ist, das Gespräch. Das Thema der Scham über die Muttersprache der Eltern durchzieht den gesamten weiteren Gesprächsverlauf. Alle sahen sich als Kinder rassistischen Bemerkungen ausgesetzt, erinnern das Kichern und die „ching, chang, chong“- Kommentare ihrer Schulkamerad:innen, wenn sie Vietnamesisch sprachen (S. 59). Die vietnamesische Sprache bildete für sie einen weiteren Marker ihrer Andersartigkeit, allerdings einen, den sie unsichtbar zu machen suchten, durch weitgehende nicht-Nutzung in der Öffentlichkeit. Die Geschwister sprechen darüber, wie sehr sie sich zum Teil als Heranwachsende bemühten „deutsch“ zu sein, was zwei der Schwestern zu einer radikalen Ablehnung und Abwertung alles Vietnamesischen veranlasste. „Ich war so sehr damit beschäftigt, mich zu integrieren und Deutsch zu fühlen, dass ich alles, was mit der vietnamesischen Kultur in Verbindung gebracht werden konnte, total abgelehnt habe und als rückständig empfand…“ (S. 60). Bei Thuý Vi, von der diese Aussage stammt, führte dieses Bestreben sowie ihre Weigerung Vietnamesisch zu lernen, dazu, dass sie von ihrem Vater als „die Deutsche“ abgestempelt wurde, als Person, die in Vietnam nie als Vietnamesin akzeptiert würde. Sie erfährt hier also zweifache Ausgrenzungen, doppelte Nicht-Zugehörigkeit, die ihre Geschwister – wenn auch mit unterschiedlichen Konnotationen – ebenfalls erleben. So lösen ihre als unzureichend wahrgenommen Vietnamesischkenntnisse bei den Geschwistern mehrheitlich ebenfalls Schamgefühle aus und zwar immer dann, wenn sie diese Sprache in Vietnam oder vietnamesischen Angehörigen gegenüber sprechen sollen. Derartige Gefühle der Unzulänglichkeit blockierten sie während ihrer Kindheit und führten dazu, dass sie sich Gesprächen mit Angehörigen, etwa den Großeltern in Vietnam, verweigerten. Aber auch heute als Erwachsene, die mittlerweile alle aktiv ihren Weg in die vietnamesische Sprache als Teil ihrer Identität gefunden haben, plagen sie noch diese empfundenen Unzulänglichkeiten: „Damals haben wir uns für unser Anderssein unter den Deutschen geschämt und heute schämen wir uns für unser Vietnamesisch unter Vietnamesen. Wir lassen uns in beiden Fällen von anderen daran hindern, mehr Vietnamesisch zu sprechen“, formuliert Anh Thy (S. 63) dieses affektive Unbehagen. Neben dieser doppelten Scham und ihren schmerzlichen Gefühlen der Nicht-Zugehörigkeit artikulieren die Geschwister in ihrem Gespräch noch ihre Trauer darüber, durch die innerfamiliäre Sprachbarriere – unzulängliches Vietnamesisch ihrerseits, unzulängliches Deutsch seitens ihrer Eltern – an einer vertieften Kommunikation und damit am Aufbau einer innigen Beziehung zu ihren Eltern gehindert worden zu sein.

„Ich bin ein Kind eines Vaters, der als vietnamesischer ‚Gast‘-Arbeiter in die DDR gekommen ist, um auf ewig ‚Gast‘ und Arbeiter in Deutschland zu bleiben, um gleichzeitig in seinem Heimatland Việt Nam Gast zu werden“ beginnt NhuMì ihre autobiographische Erzählung, in welcher sie mit äußerster Sensibilität die Migrationsgeschichte ihrer Eltern und deren Auswirkung auf ihr eigenes Leben nachzeichnet. Sie zeigt auf, mit wieviel Hoffnung sich ihr Vater 1988 als ‚Gast‘-Arbeiter in die einstige DDR begeben hatte und mit welcher Entschlossenheit er versuchte, nach dem Mauerfall für seine mittlerweile aus Vietnam eingetroffene Familie ein Leben in Westdeutschland aufzubauen. Sie beschreibt die zahlreichen Stationen (Asyl in der Linh-Thứu-Pagode in Berlin, Landeserstaufnahme-einrichtungen, diverse Sammelunterkünfte), die ihre Eltern und ihre Schwester durchliefen, bevor NhuMì selbst in einer Sozialwohnung für Geflüchtete geboren wurde, in der sie auch ihre ersten Lebensjahre verbrachte und zum ‚Flüchtlingskind‘ gestempelt wurde. In den nachfolgenden Jahren war das Leben der Familie durch die immer nur für wenige Monate gültigen Aufenthaltsgenehmigungen geprägt, die beständig neu eingeholt werden mussten und an den Nachweis eines Arbeitsverhältnisses geknüpft waren. „Der Aufenthalt (Status) meiner Eltern war auch hier an die Funktion als Arbeiter:in geknüpft. (…) Dies und der Wunsch, uns Kindern ein besseres Leben zu bieten, ließ die Identitäten meiner Eltern als Menschen, als Mutter, als Vater, als Frau, als Mann, als Sohn, als Tochter, als Bruder, als Schwester oder schlicht als Minh und Yen über die Jahre in dieser Gesellschaft zu billigen Arbeitskräften gerinnen“ (S. 72/73). NhuMì beschreibt eindrücklich welch tiefe Spuren die Folgen dieser Asylpolitik in der Psyche ihrer Eltern hinterließen. „Sie erzeugten Krankheiten aus (Existenz-) Ängsten und Minderwertigkeitskomplexen. Krankheiten, die es nicht mehr erlauben zu lieben, ohne zu misstrauen. Meine Mutter ist heute gänzlich verunsichert und orientierungslos, wenn sie nicht an einem Fließband ihre sanften mütterlichen Hände zu rauen schroffen Händen einer Arbeiterin verarbeiten kann. Ein Körper, der eine liebevolle und sorgsame Mutter und eine Arbeiterin voll mit Traumata vereint“ (S. 73). Wie sehr sich die Geschichte und allmähliche Zermürbung ihrer Eltern in ihr eigenes Leben und Selbstverständnis einschreibt, reflektiert NhuMì im zweiten Teil ihres Essays. Sie schildert, wie stark sie von Schulbeginn an durch Versagensängsten geplagt wird, da ihr Leistung als der einzige Weg erschien, um ein gutes Leben als Antwort auf das entbehrungsreiche Dasein der Eltern erreichen und dem konfuzianischen Ideal kindlicher Pietät (hiếu) entsprechen zu können. Eine Mischung aus Schuld- und Verantwortungsgefühlen gegenüber ihren Eltern treibt sie als Heranwachsende an, motiviert ihr Streben nach Schulerfolg. Ihr Wunsch nach Zugehörigkeit veranlasst sie, selbst über abwertende Kommentare wie – „Bei Euch stinkt es irgendwie, weil ihr Hunde esst, oder?“– anderer Kindern zu lachen, die sie damals noch zu ihren Freund:innen zählt (S. 75). Rückschauend glaubt sie jedoch in und durch diesen täglichen Kampf erstarkt zu sein und, Durchsetzungsvermögen entwickelt, d.h. gelernt zu haben, ihr Lächeln gegen Fäuste einzutauschen, wie sie selbst es formuliert (S. 76).

Einen ähnlichen Entwicklungsweg beschreibt auch Bình An in ihrem Essay „Mein Name bedeutet Frieden“, deren Eltern 1979 aus Südvietnam flohen und mit dem Rettungsschiff Cap Anamur nach Deutschland gelangten. Sie trägt das Schiff heute als Tattoo auf der Haut. Auch auf Bình Ans Schultern lastet die Vergangenheit ihrer Eltern, auch sie fühlt sich früh dafür verantwortlich, das Leid der Eltern wiedergutzumachen. Eindrücklich skizziert sie, dass Schweigen, Arbeit und die Vermeidung von Nähe den Weg ihrer Eltern bilden, die schmerzhaften Erlebnisse der Vergangenheit hinter sich zu lassen, was sie in eine innere Distanz zu ihrer Familie führt. Auch Bình An ist extrem leistungsorientiert, macht Karriere, wird, wie sie beschreibt „…zum perfekten Beispiel für gelungene Integration: Einser-Schülerin, Abiturabschluss, akademische Ausbildung in Deutschland und Frankreich, Berufseinstieg als Unternehmensberaterin, steile Karriere im Großkonzern und erfolgreichem Start-Up. Es klingt wie die perfekte Geschichte. Das Happy End einer Einwanderungsfamilie, die in ihrer neuen Heimat angekommen ist“ (S. 83). Aber hinter dieser Fassade steht eine zerrissene, gebrochene Familie und viel psychisches Leid. In einem mühseligen Prozess lernt Bình An sich dieser Zerrissenheit zu stellen, sie anzunehmen und nicht weiter zu übertünchen, um sie möglicherweise künftig in kleinen Schritten überwinden zu können.

Die Themen, die in diesen Erzählungen aufscheinen, sind mir in vielen Gesprächen mit jungen Viet-Deutschen begegnet, sie bewegen die Angehörigen der sogenannten 1,5 und 2. Generation, stellen Erfahrungsdimensionen dar, mit denen sie sich alle auf die eine oder andere Weise auseinandersetzen müssen. In den biographischen Beiträgen des „Sternfrüchte“-Bandes werden diese Lebensthemen auf eine sehr eindrückliche Weise in Worte gefasst. Diese Geschichten bewegen und verdienen eine weite Leser:innenschaft. Sie zeigen aber zugleich auch, wie weit der Weg noch ist zu einer Einwanderungsgesellschaft, in der ein gleichberechtigtes Miteinander selbstverständlich und rassistische Ausgrenzungen Vergangenheit geworden sind.

Auf der VLab-Website sind noch weitere lebensgeschichtliche Erzählungen veröffentlicht worden, die kontinuierlich ergänzt und demnächst auch auf diesem Blog in der Reihe „Viet-deutsche(s) Leben“ zu lesen sein werden.

VLab Berlin (Hg.): Ist Zuhause da, wo die Sternfrüchte süß sind? Viet-deutsche Lebensrealitäten im Wandel, Berlin: regiospectra 2020.